Mit wem sprichst du eigentlich, wenn’s ernst wird? 

Mit wem sprichst du eigentlich, wenn’s ernst wird? 

9. September 2026

Petra führt seit zwölf Jahren ihren Betrieb. 14 Mitarbeitende, guter Ruf, volle Auftragsbücher. Und trotzdem sitzt sie an manchen Abenden mit einer Entscheidung da, die sie mit niemandem wirklich besprechen kann. Mit dem Team nicht – zu sensibel, zu viel Unruhe würde entstehen. Mit ihrem Mann nicht – der hört zwar zu, aber nach dem dritten Satz über Lieferengpässe und Personalfragen schaltet er innerlich ab, und das ist auch völlig in Ordnung so. Also trägt sie es allein. 

Kommt dir das bekannt vor? 

Eine nachdenkliche Frau blickt aus dem Fenster

Viele Kontakte, wenig echter Austausch 

Genau dieses Bild begegnet mir bei meinen Kundenterminen immer wieder. Führungskräfte in Klein- und Mittelbetrieben haben volle Terminkalender – Gespräche mit Mitarbeitenden, Kund:innen, Lieferant:innen, Steuerberatung. Und doch fehlt oft der eine Raum, in dem sie offen sprechen können, ohne gleichzeitig ihre Rolle erfüllen zu müssen. Ohne führen, entscheiden oder Sicherheit ausstrahlen zu müssen. 

Genau das beschreibt auch ein aktueller Fachartikel des Roth Instituts zur Psychologie der Isolation in Führungsrollen sehr treffend: Entscheidend ist nicht, wie viele Kontakte eine Führungskraft hat, sondern ob es Beziehungen gibt, in denen Zweifel und Belastungen ohne sofortige Bewertung Platz finden. In kleinen Strukturen ist genau das oft schwieriger als in großen Unternehmen – es gibt schlicht keine andere Führungsebene, mit der man sich auf Augenhöhe austauschen könnte. 

Warum das mehr ist als ein unangenehmes Gefühl 

Wenn wichtige Gedanken keinen Resonanzraum finden, beginnen sie oft zu kreisen. Der Fachartikel verweist auf Forschung, die zeigt: Grübeln ohne Austausch kann sich am nächsten Arbeitstag in weniger Engagement und weniger unterstützendem Führungsverhalten niederschlagen. Wird dieselbe Belastung dagegen lösungsorientiert reflektiert – im Gespräch mit jemandem, der zuhört und mitdenkt – kann daraus sogar ein konstruktiver Prozess entstehen. 

Das deckt sich mit meiner Erfahrung als Unternehmensbegleiterin: Die besten Strategie- und Change-Entscheidungen entstehen selten am Schreibtisch allein, sondern im Gespräch. Nicht, weil eine zweite Person die Antwort besser weiß – sondern weil sich Gedanken beim Aussprechen sortieren, weil eine ehrliche Rückfrage blinde Flecken sichtbar macht, weil ein „Hast du auch daran gedacht, dass…“ eine ganz neue Perspektive auf den Konflikt eröffnet, den man gerade mit sich herumträgt. 

Zwei Personen, die sich unterhalten

Muss man sich mit der Einsamkeit an der Spitze abfinden? 

Nein. Und man sollte es auch nicht, denn es geht dabei nicht um ein nettes Extra, sondern um die Qualität deiner Entscheidungen. Ein paar Wege, die sich in der Praxis bewährt haben: 

1–2 Unternehmer:innen deines Vertrauens. Such dir bewusst ein bis zwei Menschen in einer vergleichbaren Position, mit denen du dich regelmäßig austauschst – vielleicht aus einem Unternehmer:innen-Netzwerk, einem Verband oder einer moderierten Gruppe. Wichtig ist nicht die Häufigkeit, sondern die Verlässlichkeit und Vertraulichkeit. 

Eine externe, unabhängige Sichtweise. Beratung oder Begleitung von außen bringt zwei Dinge mit, die im Betrieb selbst oft fehlen: Distanz zum Tagesgeschäft und – das erlebe ich bei meinen Kund:innen immer wieder – eine gewisse Erleichterung durch die Verschwiegenheit. Vieles lässt sich leichter aussprechen, wenn man weiß, dass es nicht im Team weitererzählt wird und keine Auswirkung auf die eigene Rolle im Betrieb hat. 

Reflexion als festen Termin einplanen, nicht als Feuerwehreinsatz. Der wertvollste Austausch findet oft dann statt, wenn gerade keine Krise akut ist – weil dann Raum für echte Weitsicht bleibt statt für reine Problemlösung. 

Ein passendes Netz statt ständiger Nähe 

Es geht nicht darum, jede einzelne Entscheidung mit jemandem zu teilen oder ständige Gesellschaft zu haben. Es geht um ein Netz aus Vertrauen, Austausch und professioneller Distanz, das trägt, wenn es darauf ankommt. Führung muss nicht einsam sein – aber die passenden Räume dafür entstehen selten von allein. Man muss sie sich aktiv schaffen. 

Wenn du spürst, dass dir genau dieser Raum aktuell fehlt: Ein unverbindliches Gespräch ist oft schon der erste Schritt dahin. 


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Fotocredit: Canva, ChatGPT

Quelle: Roth Institut – Einsam an der Spitze: Die Psychologie der Isolation in Führungsrollen